Du hast nichts gesehen in Patusan

In dem berühmten Vorwort zu „The Nigger of the Narcissus“ formuliert Joseph Conrad sein erzählerisches Mandat: uns durch die Macht des geschrieben Wortes dazu zu bringen, zu hören, zu fühlen und, „before all, to make you see“. Diese Hierarchie müsste sich im Kino eigentlich leicht einhalten lassen, aber bei der Vorführung von „Lord Jim“ erging es mir anders.
Natürlich war ich beeindruckt von der Brillanz der restaurierten 70mm-Kopie, aber eben doch nicht überwältigt. Was mich before all in den Bann des Films schlug, war seine Tonspur. Die kehlige Erzählstimme von Jack Hawkins ließ mich hellhörig werden, ihr nachgerade exzessiv britischer Duktus des Nachdrücklichen verleiht dem Ethos der christlichen Seefahrt eine Autorität, die man in diesem Drama der moralischen Ungewissheiten nie in Frage stellt. (Ihr Pendant findet sie später in der samtigen Verschlagenheit von James Mason als Gentleman Brown, der die menschlichen Abgründe so intim kennt, wie es nur einem gefallenen Engel zu Gebote steht.) Jims Passage vom Hochmut zum Ehrverlust und schließlich zu seiner vergeblichen Buße war für mich von da an untrennbar mit Klängen verbunden: Dem Donnerschlag während des Hurricanes, der ihn von Bord der „Patna“ in das klägliche Rettungsboot mit der fliehenden Mannschaft schleudert, die Nebelhörner, die Gewehr- und Kanonensalven bei der Schlacht und die Gesänge der feiernden Eingeborenen, die er zum Sieg geführt hat.
Während das Schlagen der großen Glocke in Patusan Jims Schicksal besiegelt, offenbart das helle Klingeln der unzähligen Glöckchen seine Sehnsucht nach Erlösung, nach einem unbelasteten, unbefleckten Leben. Ob ich den Bildern damit habe Ungerechtigkeit widerfahren lassen? Immerhin spart die Montage in Richard Brooks‘ Verfilmung die entscheidenden Momente aus, Jims Sprung in die Ehrlosigkeit und seinen Tod. Sie scheinen ihr unergründlich, und damit unzeigbar.
Gerhard Midding
midding - 9. Feb, 10:46

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