Des weißen Mannes Bürde
Seit Joseph Conrads Zeiten sind die Verhältnisse komplizierter, verfänglicher geworden, aber die Geister der muslimischen Pilger, die Lord Jim an Bord der Patna verriet, suchen uns auf der Berlinale allerorten heim. Der Okzident leistet Buße für das, was er dem Orient seit Jahrhunderten antut. Die Last des Gewissens ruht schwer auf den Bewohnern der wirtschaftlich privilegierten Nationen.
Lukas Moodysson hat mit „Mammoth“ ein Remake von „Babel“ gedreht, wenn auch ohne die Gewehrschüsse. Längst liegt ein Fluch über dem globalisierten Erzählen. Sein dramaturgischer Avatar ist das unablässige Klingeln der Handys, besser gesagt, die Rat- und Gegenstandslosigkeit der Gespräche, die mit ihnen geführt werden. Die Parallelführung von Familienschicksalen in New York, Thailand und auf den Philippinen gerät Moodysson zusehends vorhersehbar, ihre Moral ist nicht das Resultat eines Lernprozesses, sondern nurmehr eine Prämisse. Auf verwerflichste Weise spielt das Drehbuch hier Schicksal, auch wenn es sich den Anschein eines tiefen Bekümmertseins gibt. Ein Filmmacher ist schlecht beraten, wenn er sich eine gottgleiche Autorität anmaßt, zumal wenn er dies noch mit Sakralmusik unterstreichen muss. Lord Jims Hochmut lebt fort in diesem Film.
In dem vermeintlich globalisierten Erzählen erweist sich nur, dass Hollywood nunmehr auch die Leitwährung für den europäischen Autorenfilm ausgibt, für die Vorstellung von Familie und das Arrangement der Konflikte. Moodyssons Film ist ganz von der Konstruktion her gedacht. „Welcome“ von Philippe Lioret hingegen hält es weniger mit der Arithmetik, sondern entwickelt sein Drama aus den Charakteren heraus. Vincent Lindon nimmt sich als Schwimmlehrer eines illegalen, kurdischen Einwanderers an, der um jeden Preis nach London zu seiner Freundin will. Lioret ist ein aufgeklärter Melodramatiker, der sich nicht scheut, das Politische ganz fest mit dem Privaten zu vermählen. Er kann es, weil er seinen Hauptfiguren auf gleicher Augenhöhe begegnet. (Das zeigt sich allein schon darin, wie er den verlorenen Verlobungsring behandelt, der zum Unterpfand des kulturellen Transfers wird: ganz ohne die fahrlässige Ironie, mit der Moodysson den teuren Füllfederhalter kursieren lässt.)
Auch bei ihm ist die Familie das Maß aller Dinge, aber er erspart uns deren Apotheose. Lindon empfindet väterliche Gefühle für den Jungen und setzt seine bürgerliche Existenz beinahe aufs Spiel, um ihm zu helfen. Einmal gesteht er seiner geschiedenen Frau, einer Sozialarbeiterin, dass er am Ende seiner Kräfte ist: „Ich kann nicht mehr schlafen ohne dich, kann nicht mehr essen.“ Humanitäres Engagement aus unerfüllter Liebe? Lindon will seiner Frau nicht imponieren, will sie heraushalten aus seinen Problemen. Aber vielleicht will er ihr demonstrieren, dass er etwas gelernt hat von ihr. So ergeht es einem manchmal, wenn man immer noch liebt, obwohl man die Hoffnung längst hätte aufgegeben müssen.
Gerhard Midding
midding - 9. Feb, 10:4
Lukas Moodysson hat mit „Mammoth“ ein Remake von „Babel“ gedreht, wenn auch ohne die Gewehrschüsse. Längst liegt ein Fluch über dem globalisierten Erzählen. Sein dramaturgischer Avatar ist das unablässige Klingeln der Handys, besser gesagt, die Rat- und Gegenstandslosigkeit der Gespräche, die mit ihnen geführt werden. Die Parallelführung von Familienschicksalen in New York, Thailand und auf den Philippinen gerät Moodysson zusehends vorhersehbar, ihre Moral ist nicht das Resultat eines Lernprozesses, sondern nurmehr eine Prämisse. Auf verwerflichste Weise spielt das Drehbuch hier Schicksal, auch wenn es sich den Anschein eines tiefen Bekümmertseins gibt. Ein Filmmacher ist schlecht beraten, wenn er sich eine gottgleiche Autorität anmaßt, zumal wenn er dies noch mit Sakralmusik unterstreichen muss. Lord Jims Hochmut lebt fort in diesem Film.
In dem vermeintlich globalisierten Erzählen erweist sich nur, dass Hollywood nunmehr auch die Leitwährung für den europäischen Autorenfilm ausgibt, für die Vorstellung von Familie und das Arrangement der Konflikte. Moodyssons Film ist ganz von der Konstruktion her gedacht. „Welcome“ von Philippe Lioret hingegen hält es weniger mit der Arithmetik, sondern entwickelt sein Drama aus den Charakteren heraus. Vincent Lindon nimmt sich als Schwimmlehrer eines illegalen, kurdischen Einwanderers an, der um jeden Preis nach London zu seiner Freundin will. Lioret ist ein aufgeklärter Melodramatiker, der sich nicht scheut, das Politische ganz fest mit dem Privaten zu vermählen. Er kann es, weil er seinen Hauptfiguren auf gleicher Augenhöhe begegnet. (Das zeigt sich allein schon darin, wie er den verlorenen Verlobungsring behandelt, der zum Unterpfand des kulturellen Transfers wird: ganz ohne die fahrlässige Ironie, mit der Moodysson den teuren Füllfederhalter kursieren lässt.)
Auch bei ihm ist die Familie das Maß aller Dinge, aber er erspart uns deren Apotheose. Lindon empfindet väterliche Gefühle für den Jungen und setzt seine bürgerliche Existenz beinahe aufs Spiel, um ihm zu helfen. Einmal gesteht er seiner geschiedenen Frau, einer Sozialarbeiterin, dass er am Ende seiner Kräfte ist: „Ich kann nicht mehr schlafen ohne dich, kann nicht mehr essen.“ Humanitäres Engagement aus unerfüllter Liebe? Lindon will seiner Frau nicht imponieren, will sie heraushalten aus seinen Problemen. Aber vielleicht will er ihr demonstrieren, dass er etwas gelernt hat von ihr. So ergeht es einem manchmal, wenn man immer noch liebt, obwohl man die Hoffnung längst hätte aufgegeben müssen.
Gerhard Midding
midding - 9. Feb, 10:4
i-public - 9. Feb, 10:04