Mittwoch, 11. Februar 2009

Kalenderblatt

Man hätte angemessen hinein feiern können in seinen Geburtstag, mit seinem kurioserweise berühmtesten Film: „Cleopatra“ lief gestern Abend um 20 Uhr in der 70-mm-Retro. Er dauert etwas über vier Stunden, und am Ende wäre man womöglich in der genau der richtigen, festlichen Stimmung gewesen, um zu feiern, dass heute vor 100 Jahren Joseph L. Mankiewicz geboren wurde. Seinen allerersten Job trat er als Korrespondent des „Chicago Tribune“ in Berlin an; 1983 kehrte er als Mitglied der Internationalen Jury zurück.
Er hat in Hollywood Anfang der 30er Jahre als Autor angefangen (und sollte es auch als Produzent und Regisseur bleiben), hat Filme von Fritz Lang und John M. Stahl produziert und dann nach dem Krieg bei 20th Century sein Regiedebüt gegeben. Mit Filmen wie „A Letter to three wives“, „All about Eve“ und „The Barefoot Contessa“ wurde er zum Inbegriff dessen, was sich Hollywood unter einem Intellektuellen vorstellt: Ein smarter und oft geistreicher Dialogautor, der blitzgescheit amerikanische Sitten kommentierte; mit einer Eleganz, die sich bisweilen etwas zu sehr selbst genügte. Wir Kritiker verdanken ihm die schönste, arroganteste Vergewisserung unserer eigenen Bedeutung. In „All about Eve“ lässt er den Theaterrezensenten Addison de Witt einmal sagen: „My native habitat is the theatre. In it I toil not; neither do I spin. I am a critic and commentator. I am essential to the theatre.”
Es gebrach ihm nie an Selbstbewusstsein. Die Filme, die er nach seiner Zeit bei der Fox realisierte, demonstrieren oft genug, wie sehr ihm die Studiodisziplin genutzt hatte. Gern hätte man sich gewünscht, dass Darryl F. Zanuck mit manchen von ihnen noch einmal in den Schneideraum gegangen wäre. So ergeht es mir auch mit vielen Wettbewerbsbeiträgen. Zwar bin ich froh, dass Bertrand Tavernier hier seinen Director’s Cut von „In the Electric Mist“ präsentieren konnte, und nicht die verstümmelte Fassung, die sein US-Produzent in Nordamerika vertreibt. Aber seit dem Wochenende erfüllt es mich mit tiefer Skepsis, wenn ein Film eine Länge von über 110 Minuten hat. Bei manchen kann ich präzise benennen, wo man die Schere ansetzen könnte: „The Messenger“ hätte nur gewonnen, wenn er auf die Verlobungsfeier und den Monolog über den Kampfeinsatz im Irak verzichtet hätte, bei „Mammoth“ hätte ich mir gern die ersten 120 Minuten erspart. Bei „About Elly“ und „Alle Anderen“ hingegen beschleicht einen ein eher vages Gefühl, dass sie zehn oder 15 Minuten zu lang sind; es hat viel mit der Konstruktion des Alltäglichen und Gewöhnlichen zu tun. Gern hätte ich überprüft, ob Cleopatra“ jede seiner 248 Minuten braucht, aber dann gerieten andere Termine dazwischen. Eine geschätzte Kollegin versicherte mir heute morgen, für sie sei es der Höhepunkt der Berlinale gewesen.

Du hast nichts gesehen in Patusan

In dem berühmten Vorwort zu „The Nigger of the Narcissus“ formuliert Joseph Conrad sein erzählerisches Mandat: uns durch die Macht des geschrieben Wortes dazu zu bringen, zu hören, zu fühlen und, „before all, to make you see“. Diese Hierarchie müsste sich im Kino eigentlich leicht einhalten lassen, aber bei der Vorführung von „Lord Jim“ erging es mir anders.
Natürlich war ich beeindruckt von der Brillanz der restaurierten 70mm-Kopie, aber eben doch nicht überwältigt. Was mich before all in den Bann des Films schlug, war seine Tonspur. Die kehlige Erzählstimme von Jack Hawkins ließ mich hellhörig werden, ihr nachgerade exzessiv britischer Duktus des Nachdrücklichen verleiht dem Ethos der christlichen Seefahrt eine Autorität, die man in diesem Drama der moralischen Ungewissheiten nie in Frage stellt. (Ihr Pendant findet sie später in der samtigen Verschlagenheit von James Mason als Gentleman Brown, der die menschlichen Abgründe so intim kennt, wie es nur einem gefallenen Engel zu Gebote steht.) Jims Passage vom Hochmut zum Ehrverlust und schließlich zu seiner vergeblichen Buße war für mich von da an untrennbar mit Klängen verbunden: Dem Donnerschlag während des Hurricanes, der ihn von Bord der „Patna“ in das klägliche Rettungsboot mit der fliehenden Mannschaft schleudert, die Nebelhörner, die Gewehr- und Kanonensalven bei der Schlacht und die Gesänge der feiernden Eingeborenen, die er zum Sieg geführt hat.
Während das Schlagen der großen Glocke in Patusan Jims Schicksal besiegelt, offenbart das helle Klingeln der unzähligen Glöckchen seine Sehnsucht nach Erlösung, nach einem unbelasteten, unbefleckten Leben. Ob ich den Bildern damit habe Ungerechtigkeit widerfahren lassen? Immerhin spart die Montage in Richard Brooks‘ Verfilmung die entscheidenden Momente aus, Jims Sprung in die Ehrlosigkeit und seinen Tod. Sie scheinen ihr unergründlich, und damit unzeigbar.
Gerhard Midding
midding - 9. Feb, 10:46

Des weißen Mannes Bürde

Seit Joseph Conrads Zeiten sind die Verhältnisse komplizierter, verfänglicher geworden, aber die Geister der muslimischen Pilger, die Lord Jim an Bord der Patna verriet, suchen uns auf der Berlinale allerorten heim. Der Okzident leistet Buße für das, was er dem Orient seit Jahrhunderten antut. Die Last des Gewissens ruht schwer auf den Bewohnern der wirtschaftlich privilegierten Nationen.
Lukas Moodysson hat mit „Mammoth“ ein Remake von „Babel“ gedreht, wenn auch ohne die Gewehrschüsse. Längst liegt ein Fluch über dem globalisierten Erzählen. Sein dramaturgischer Avatar ist das unablässige Klingeln der Handys, besser gesagt, die Rat- und Gegenstandslosigkeit der Gespräche, die mit ihnen geführt werden. Die Parallelführung von Familienschicksalen in New York, Thailand und auf den Philippinen gerät Moodysson zusehends vorhersehbar, ihre Moral ist nicht das Resultat eines Lernprozesses, sondern nurmehr eine Prämisse. Auf verwerflichste Weise spielt das Drehbuch hier Schicksal, auch wenn es sich den Anschein eines tiefen Bekümmertseins gibt. Ein Filmmacher ist schlecht beraten, wenn er sich eine gottgleiche Autorität anmaßt, zumal wenn er dies noch mit Sakralmusik unterstreichen muss. Lord Jims Hochmut lebt fort in diesem Film.
In dem vermeintlich globalisierten Erzählen erweist sich nur, dass Hollywood nunmehr auch die Leitwährung für den europäischen Autorenfilm ausgibt, für die Vorstellung von Familie und das Arrangement der Konflikte. Moodyssons Film ist ganz von der Konstruktion her gedacht. „Welcome“ von Philippe Lioret hingegen hält es weniger mit der Arithmetik, sondern entwickelt sein Drama aus den Charakteren heraus. Vincent Lindon nimmt sich als Schwimmlehrer eines illegalen, kurdischen Einwanderers an, der um jeden Preis nach London zu seiner Freundin will. Lioret ist ein aufgeklärter Melodramatiker, der sich nicht scheut, das Politische ganz fest mit dem Privaten zu vermählen. Er kann es, weil er seinen Hauptfiguren auf gleicher Augenhöhe begegnet. (Das zeigt sich allein schon darin, wie er den verlorenen Verlobungsring behandelt, der zum Unterpfand des kulturellen Transfers wird: ganz ohne die fahrlässige Ironie, mit der Moodysson den teuren Füllfederhalter kursieren lässt.)
Auch bei ihm ist die Familie das Maß aller Dinge, aber er erspart uns deren Apotheose. Lindon empfindet väterliche Gefühle für den Jungen und setzt seine bürgerliche Existenz beinahe aufs Spiel, um ihm zu helfen. Einmal gesteht er seiner geschiedenen Frau, einer Sozialarbeiterin, dass er am Ende seiner Kräfte ist: „Ich kann nicht mehr schlafen ohne dich, kann nicht mehr essen.“ Humanitäres Engagement aus unerfüllter Liebe? Lindon will seiner Frau nicht imponieren, will sie heraushalten aus seinen Problemen. Aber vielleicht will er ihr demonstrieren, dass er etwas gelernt hat von ihr. So ergeht es einem manchmal, wenn man immer noch liebt, obwohl man die Hoffnung längst hätte aufgegeben müssen.
Gerhard Midding
midding - 9. Feb, 10:4

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